BLIX

APRIL 2020

AKTUELL

AUF DER KIPPE

von Roland Reck

 

 

LEUTKIRCH. Das Coronavirus hatte endgültig Oberschwaben erreicht. Im Kreis Biberach schlossen vorübergehend Schulen und Kindergärten, wenige Tage zuvor war der erste Fall in Wangen im Kreis Ravensburg gemeldet worden. Krisenstäbe tagen und die Regale in den Supermärkten leeren sich. Es beginnt die große Absage. Aber eine Veranstaltung findet noch statt. Eine Spurensuche in Krisenzeiten nach Kipppunkten und was sie bedeuten. Zur Erinnerung: Es gab ein Leben vor Corona!

 

Es begab sich, dass am 6. März sich über 300 Menschen in der Festhalle in Leutkirch versammelten, um sich mit „Dreck“ zu beschäftigen – aller epidemischen Verunsicherung zum Trotz. „Unser Erbe“ lautet der Dokumentarfilm von Marc Uhlig, der gefördert wurde von der in Leutkirch beheimateten Elobau-Stiftung. Es geht um den Boden. Sowohl der Film als auch die anschließende Podiumsdiskussion machen deutlich, wie unverantwortlich wir mit unserer sprichwörtlichen Existenzgrundlage umgehen. Bauern sind Zeugen. Das Problem ist nicht neu. „Wir haben den Boden unter den Füßen verloren, weil wir ihn nur als Dreck sehen und behandeln“, fasst es Sarah Wiener, Köchin, Unternehmerin und Europaabgeordnete der österreichischen Grünen, auf dem Podium zusammen. Zeitzeugen wissen: Das ist schon seit der Flurbereinigung in den 60er und 70er-Jahren so. Wen hat es interessiert? Und warum interessiert dieser „Dreck“ an diesem Abend – trotz Ansteckungsgefahr – über 300 Menschen mehr als drei Stunden lang?

In der Klimadiskussion sind so genannte „Kipppunkte“ entscheidende Faktoren. Sie sind der Schrecken der Klimaforscher, weil sie mit ihrer Dynamik Kettenreaktionen auslösen, die nicht mehr zu stoppen sind. Die Konsequenz: Der Krise folgt die Katastrophe. Das Rennen läuft.

Ein solcher Kipppunkt kann eintreten, wenn der Permafrost in großen Teilen Sibiriens, Kanadas und Alaskas der Erderwärmung weicht und die aufgetauten Böden in großen Mengen gespeichertes Methan freisetzen. Und das ist nur einer von vielen Kipppunkten auf die wir zusteuern, warnt der Weltklimarat.

Kipppunkte können aber auch gesellschaftliche Wegmarken sein, wo Entwicklungen plötzlich eintreten, die bis dahin völlig undenkbar erschienen. Erinnert sei an den Fall der Mauer vor 30 Jahren. Eine Krise scheint unlösbar mangels adäquater politischer Entscheidungen. Das „Weiter so“ entspricht dem politischen Unvermögen, die Krise zu entschärfen. Daraus können Revolutionen entstehen, wenn im Zusammenwirken von Krise und gesellschaftlicher Entwicklung das Veränderungspotenzial die „kritische Masse“ erreicht. Das ist nicht neu, sondern vielfach erforscht. Die Französische Revolution, die so genannte bürgerliche Revolution mit globaler Wirkung, ist dafür ein Leuchtturm.

Aber zurück auf den Boden der Gegenwart, der in Oberschwaben noch bis vor kurzem wirtschaftsstark und deshalb wenig krisenhaft erschien. Umso auffallender: Das große Interesse an Themen, die bis dahin allenfalls ein Nischendasein fristeten. So wie „Unser Erbe“, zu dem in Leutkirch eine ehemalige Bäuerin lakonisch feststellt, für so einen „Dreck“ – gemeint ist Mutter Erde – hätte sich vor zehn Jahren kaum einer die Mühe gemacht, bei miserablem Wetter aus dem Haus zu gehen, um sich drei Stunden lang die existenzielle Bedeutung von Humus, Regen- & Spulwürmern erklären zu lassen. Die Landfrau ist nun gekommen trotz schlechtem Wetter und trotz Corona. Anderes Beispiel: Der Film „Die Wiese – ein Paradies von nebenan“ musste wenige Tage vorher im größten Kinosaal des „Traumpalast“ in Biberach wiederholt werden, da es mehr Besucher als Plätze gab. Auch hier waren es über 400 Interessierte, die sich die Dokumentation von Jan Haft über das Naturwunder einer artenreichen Wiese anschauten. Peter Heffner, Mitveranstalter und Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes im Kreis Biberach zeigte sich hoch erfreut, dass auch die anschließende Diskussion zwischen Zuschauern, Bauern und Naturschützern auf reges Interesse stieß. Sein Fazit: „Auch die Passagen zum Spannungsfeld zwischen arten- und ertragsreicher Grünlandbewirtschaftung, dem Spagat von Bauersfamilien zwischen ‚Schützen und Nutzen‘, zwischen Weltmarkt und Förderpolitik, spiegelten ein Stück aktuelle Realität und stießen auf ganz besonderes Interesse. Einig waren sich die Gesprächspartner, dass die Verbraucher eine wichtige Rolle beim gesellschaftlich gewünschten Umbau der Landwirtschaft spielen.“

Die Bauern, die sich wegen des Artensterbens und ihrer Negativbilanz beim Klima heftiger gesellschaftspolitischer Kritik ausgesetzt sehen, inszenieren indes selbst eine Revolution. War der Deutsche Bauernverband über Jahrzehnte ein konservatives Bollwerk, das zuerst in Bonn, dann in Berlin und auch immer schon in Brüssel als mächtiger Lobbyist die Landwirtschaftspolitik („Wachse oder weiche!“) maßgeblich mitbeAls Gast auf dem Podium: Sarah Wiener ist prominente Fernsehköchin und Europaabgeordnete der Grünen in Österreich. Foto: Reck Eine „bunte“ Wiese ist die Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Insekten und Voraussetzung für die Artenvielfalt. Foto: Nautilusfilm-Polyband 6 AKTUELL stimmte, bestimmen plötzlich ganz andere die öffentliche Wahrnehmung und den öffentlichen Diskurs. Waren es früher nur die spinnenden Biobauern, die sich dem Diktat der Funktionäre entzogen, gefolgt von den Verfechtern einer bäuerlichen Landwirtschaft als Alternative zum Wachsen oder Weichen, sind es nun plötzlich vor allen Dingen die Jüngeren, die mit ihrem Slogan „Land schafft Verbindung“ einerseits den Dialog mit Gesellschaft und Politik suchen, andererseits mit tonnenschweren Traktoren dagegen protestieren, die Prügelknaben einer verfehlten Landwirtschaftspolitik zu sein. Und kokett lassen 300 von ihnen bei ihrer Demo, die nur „eine Versammlung“ sein sollte, den grünen Ministerpräsidenten und seine Parteigänger beim grünen Aschermittwoch in Biberach wissen: „Bauer sucht Partei!“ Die Botschaft ist eindeutig zweideutig und richtet sich auch an den Bauernverband und die CDU: Wir wählen, wen wir wollen – und nicht, wen wir sollen! Das ist annähernd ein revolutionärer Akt, ohne Zweifel.

Doch abseits der aufgebrachten Bauern, grübelnden Bürgern und verunsicherten Konsumenten gibt es diejenigen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben. Raus aus dem Hamsterrad der ewigen Konkurrenz, hin zur sinnstiftenden Gemeinschaft und Solidarität. SoLaWi nennt sich eine solche Blüte, die auch in Oberschwaben vermehrt sprießt. Die Idee hinter der Solidarischen Landwirtschaft ist einfach, aber in der Praxis braucht sie das Engagement von teilnehmenden Bürgern, die ihren Bauern nicht nur als Konsumenten, sondern als Bündnispartnern zur Seite stehen. Verlässlich und solidarisch. Eine Produktions- und Verwertungsgemeinschaft auf die Verlass ist, weil der Bauer oder Gärtner das produziert, was die Mitglieder beschlossen haben und verpflichtend auch abnehmen. Die Idee: Hand in Hand zum Vorteil aller – nah und gut und krisenfest!

Solche Raus-aus-dem-Markt-Projekte sprießen immer mehr in der Region. In Ravensburg ist ein solches Projekt schon bestens etabliert. In der Nachbarschaft entstanden bereits weitere. In Sigmaringen hat sich dazu ebenfalls ein Verein gegründet (siehe Interview mit Rüdiger Sinn) und auch in Rot an der Rot entwickelt sich gerade aus einem Gartenprojekt für Permakultur eine solidarische Landwirtschaft. In dem traditionsreichen Klosterdorf findet sich überdies der Verein „Macht was“, ein Ableger der örtlichen Galerie „Sunny Side Up“, wo Kunst und Land ins Gespräch kommen sollen. Es ist ein Zusammenschluss von Künstlern, Bauern und Bürgern: „zur Renaturierung des Menschen“. Durch Wissen zum gemeinsamen Handeln kommen, ist der Anspruch. „Wir wollen in einer Welt leben, die allen Lebewesen und auch dem Menschen einen natürlichen und gemeinsamen Lebensraum sowie respektvollen Umgang miteinander ermöglicht“, lautet die Zielsetzung. Und ganz pragmatisch will der Verein Bauern für Blühstreifen gewinnen, „insbesondere auch durch die ideelle, tatkräftige und finanzielle Unterstützung von Landwirten, die derartige Flächen einrichten und pflegen“, heißt es zum Vereinszweck. Und einige Kilometer östlich von Rot kümmert sich in Ochsenhausen der Kneippverein intensiv um Artenschutz und Biodiversität. Es sind inzwischen viele Trittsteine, die das Land durchziehen, auf denen viele Menschen unterwegs sind.

Nachdenken über das Leben von Mensch und Natur, gepaart mit dem gefühlten Wissen, dass wir auf dem falschen Weg sind, hat auch zur Gründung von „Wir und jetzt“ geführt. Bereits 2010 machten sich sieben junge Menschen am Bodensee auf die Suche nach Alternativen. Im Leitbild des Vereins heißt es: „Zur momentanen Zeit des Wandels und der Umbrüche in Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt und Politik wollen wir Alternativen aufzeigen und damit Mut machen, gemeinsam aktiv zu werden.“ Auch zehn Jahre später ist der engagierte Kreis der Aktiven überschaubar, aber dennoch wirksam, weil sie sich als Netzwerker verstehen zu Themen, die aktueller denn je sind. Ausgehend von einem starken Naturbezug „versuchen wir, ökologische, ökonomische und soziale Themen zu verbinden und die Menschen nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen anzusprechen“, lautet die Zielsetzung. Dazu gehört Naturpädagogik genauso wie Gemeinwohlökonomie. Die Zeit von „entweder – oder“ sei vorbei. „Es geht uns um die gemeinsame Vision einer anderen Zukunft für unsere Kinder und Mit Vielfalt statt Einfalt (Monokultur) versuchen Biobauern, dem Boden und dem Klima gerecht zu werden. Foto: W-film / Tisda Media 7 AKTUELL unsere Erde. Dabei haben verschiedene Wege und Herangehensweisen ihre Berechtigung“, zeigt sich der Verein offen und undogmatisch. Sicher sind sich die Mitglieder aber darin, dass „bei vielen Menschen die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Teilhabe an der Zukunft, dass Begegnungen und Beziehungen immer wichtiger werden“.

Die Spurensuche auf dem Weg zu gesellschaftlichen Kipppunkten könnte fortgesetzt werden: denn in vermeintlich alternativlosen Zeiten tut sich viel „in den Graswurzeln“. Wer hätte vor zehn Jahren was von „Unverpackt-Läden“ wissen wollen? Zur Veränderung zählt aber auch die gestandene Landfrau mit vier heranwachsenden Kindern, die sich bei der Volkshochschule zum Selbstversorgerkurs anmeldet, ebenso wie das überbordende Interesse an einem Vortrag über den Verzehr von Wildkräutern, wie auch die Bürgerinitiativen, die sich vielerorts gegen Flächenfraß durch Industrie und Kiesabbau zur Wehr setzen. Und die Kirchen rufen zum „Klimafasten“ auf: „Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit – weitet den Blick und verändert mich und die Welt.“ Geändertes Bewusstsein schafft Veränderung. Der Boden ist nicht mehr Dreck, sondern Lebensgrundlage.

Und schlussendlich sei auf die Kids von „Friday for Future“ verwiesen, die die Hefe im Teig sind. Ein chinesischer Internatsschüler in Urspring wurde dieser Tage in der Schwäbischen Zeitung zur Corona-Epidemie befragt. Jiahong „Felix“ Yuan (18) lebt seit drei Jahren in Urspring bei Schelklingen und meint abschließend: „Außerdem kann man den Ausbruch auch als ein gutes Signal sehen. (…) Es macht deutlich, dass wir uns endlich mehr Gedanken machen müssen, wie wir mit Tieren, der Natur und der Umwelt umgehen, anstatt unsere Gesundheit und unser Überleben als Spezies fahrlässig aufs Spiel zu setzen. Um zu erkennen, dass aktives Handeln notwendig ist, muss man keine zweite Greta werden.“

„Aktives Handeln“ konzentriert sich aktuell freilich ganz auf die Überwindung der Corona-Krise, die ein Kipppunkt sein könnte. Sicher ist, es wird ein Leben nach Corona geben. Wie und wohin sich dieses entwickelt, wird davon abhängen, wie wir weiterhin mit dem „Dreck“ umgehen, der unsere Überlebensgrundlage ist. Das blieb in der Festhalle in Leutkirch unwidersprochen.

 

www.wirundjetzt.org

www.machtwas.net

www.fairwandel-sig.de

 

 

DIE MACHT DER KONSUMENTEN DIE MACHT DER KONSUMENTEN Die Macht der Konsumenten ist unstrittig, aber auch widersprüchlich. Davon wissen die Bauern ein Klagelied zu singen. Das Schwein, das Glück hat, lebt sein kurzes Leben als „Landschwein“ mit Stroh, Frischluft und regionalem Futter. Das Konzept, das zwar nicht dem Biolevel entspricht, aber mehr Tierwohl bedeutet, basiert auf einer vertraglichen Zusammenarbeit zwischen Schweinemästern und der Metzgerei Buchmann. Das Tierwohl kostet allerdings (mehr) Geld und nach wie vor gehe der Trend, so die Feststellung der Kooperationspartner, zu immer teureren Grillgeräten – und möglichst billigem Fleisch. Zur Ehrenrettung des Verbrauchers meint Horst Schmidt (Foto rechts), Gastronom im „Kreuz“ in Mattenhaus, wo sich das „Landschwein“ auf der Speisekarte findet: „Der Gast ist bereit, auch mehr zu bezahlen.“ Und Wolfgang Kästle (links) scheint glücklich über das Glück seiner Schweine: gut leben zu können.

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