regressives denkvermögen

ein Text von Oliver Braig

WARUM ERST MAL BLÜHSTREIFEN

contra

REGRESSIVES DENKVERMÖGEN

 

 

Ich heiße euch sehr herzlich willkommen in einer Gegenwart, die ich nie als Zukunft haben wollte, weil ich immer schon gegen eine nur rein technische Form des Fortschritts und eine daraus resultierende Zukunftsvision, war. Wenn die einzige Vision, die wir haben, die Technik und der mit ihr einher gehende Fortschritt ist, dann haben wir in Wirklichkeit, keine Vision. Du wirst sagen: „Aber wir haben doch den Fortschritt!“ Ich entgegne Dir: „Ja, immer wieder nur ein Schritt fort, vom eigentlichen Problem weg!“ Deutschland ist ein Flüchtlingsland, denn die Deutschen sind Reiseweltmeister. Bin dann mal weg. Und nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Technisch hochgerüstet torkeln wir stümperhaft in jene Zukunft, die nichts anderes sein kann, als unsere eigene Einfallslosigkeit. Seit dem Wirtschaftswunder gibt es nur noch diesen einen rettenden Gedanken.

Was für eine traumatisierte Nation sind wir nur?

Alle Horizonte sind scheinbar erforscht und von der Flurbereinigung erfasst und digital organisiert worden. Heutzutage tragen die Bauern am Computer ein, was auf welchem Feld angebaut wird und legen dies dann, nachvollziehbar fest. Nun ist was sie tun, für Außenstehende einsehbar, damit kontrollierbar und in letzter Konsequenz, falls ein Verstoß vorliegt, strafbar. Das ist die Sachlage. Nichts als reine Fakten. Wer Subventionen bekommen möchte, der wird an der digitalen Leine geführt. Wie würde es Dir damit gehen?

Wenn ich durch die oberschwäbische Landschaft fahre, dann kann ich den Zorn und die Wut der Bauern sehr deutlich sehen. Kahl ist es geworden und gestutzt bis an den letzten Rand. Was für eine Rasur. „Was geht hier vor sich?“, frage ich mich unweigerlich. Mir kommt das nicht mehr wie Landschaft vor, sondern wie ein Trainingsgelände eines Fußballvereins, bei dem ein sehr deutscher Platzwart für Ordnung sorgt. Präzise, radikal, ordentlich und garantiert ohne irgendeine Gefühlsregung. Seid ihr jetzt zufrieden? Sieht es nun auch Draußen so aus, wie in euch drin, ihr emotionalen deutschen Krüppel? Seid ihr jetzt, da ihr alles herausgerissen, gestutzt und bis an den letzten Rand, weggeschnitten habt, seid ihr jetzt endlich zufrieden? Und die wirkliche Flurbereinigung ist nicht das Umorganisieren der Wiesen- und Ackerflächen, sondern dies, was ihr jetzt sehen könnt. Die Flur ist bereinigt worden. Denn wenn ihr uns kontrolliert und falls nötig, bestraft, dann werden wir einfach alles abschneiden. Nichts soll mehr übrigbleiben. Als die Amerikaner im Vietnamkrieg, gegen die sogenannten Vietkong, im dicht bewachsenen Dschungel nicht kämpfen konnten, haben sie sich für agent orange entschieden. Ein Entlaubungsmittel mit dem sie die Wälder eingesprüht haben, um sie zu entlauben. Sie haben den Dschungel entlaubt, um die Gegner freizulegen. Bei uns scheint auch etwas sehr Radikales und Entfesseltes vor sich zu gehen das Felder, Wälder und Wiesen angreift und freilegt, wie damals agent orange. Meine Frage an Dich ist nur: „In welchem Krieg befinden wir uns?“ Befinden wir uns im Krieg der Bürokratie? Wer kämpft hier gegen wen? Wird hier ein ungelöster Konflikt an der Natur ausgelassen?

Ach ja, und damit hier nicht der Eindruck entsteht, dass ich nur eine bestimmte Seite vertreten möchte, ich werde alle Bereiche, mit demselben kritischen Blick oder mit derselben Dosis an agent orange behandeln. Ich verfolge ein ähnliches Ziel, wie die Amerikaner damals: Den Dschungel lichten, um die Gegner freizulegen und bekämpfen zu können. Ich mache dies mit den Mitteln der Sprache und des Denkens, dies aber mit enormer Präzision, begleitet von einer Prise, feiner Ironie. Nun, ich habe meine Waffen präsentiert. Die Kampfschrift geht weiter. Die Phalanx der Worte formiert sich.

Im Jahre 1900 erzeugte ein Landwirt Nahrungsmittel in einem Umfang, um etwa 4 Personen ernähren zu können. 1950 ernährte ein Landwirt 10 Personen, im Jahr 2016, was ist da nur passiert, ernährt ein Landwirt,135 Personen. Natürlich wäre dies ohne den ganzen technischen Fortschritt nicht möglich, denn nur so ist diese enorme Produktivitätssteigerung möglich. Und wir, wir Endverbraucher, was interessiert uns das? Wir, die Arbeitnehmer. Wir, die Festangestellten. Wir, die Büromenschen und wir, die Stadtbewohner. Irgendwie leben wir doch alle dort irgendwo, losgelöst und weltfremd, im Funpark des Lebens unter erschwerten Bedingungen, denn zwar ging es uns, noch nie so gut, aber wir müssen auch mit dieser enormen Produktivitätssteigerung mithalten und leben. Und wir konkurrieren nun mit Maschinen, die scheinbar nie still stehen und krank werden oder mal Urlaub brauchen. Mit diesem technischen Fortschritt trat die Promethische Scham in unser Leben und hat uns gezeigt, dass wir viel schwächer, als die Maschinen sind. Unseren Arbeitgebern hat dies ein sehr wirksames Druckmittel in die Hand gegeben: Den Maschinenpark, in dem Menschen nur noch die Lücken schließen oder eben darauf warten, dass mal eben doch eine Maschine kaputt geht, die sie dann warten dürfen, denn darauf haben sie, gewartet. Und um diese irre Produktivitätssteigerung auf die Spitze zu treiben, haben wir uns Maschinen ausgedacht, smart machines, die so intelligent sind, dass sie wissen, wann sie sich tot zu stellen haben. Die Maschine sagt, dass sie nun, kaputt ist. Nicht schlecht. Was ist das nur für eine schlaue Maschine. Der schreckliche Begriff dafür nennt sich: programmierte Obsoleszenz. In ganz neuen Fabriken, in denen fast keine Menschen mehr arbeiten, da befinden sich nur noch Schränke. Das sind Serverhallen mit digitalen Schrankwänden. Datensammelschränke. Hier werden alle Daten von den digitalen Usern der 4. industriellen Revolution dieser Welt gesammelt, um sie danach algorithmisch nach Suchmustern, die wir hinterlassen haben, zu durchsuchen, um den Menschen und sein Wunsch- und Konsumverhalten, vorhersehbar zu machen. Wir sagen nämlich den Firmen was wir wollen, damit sie es uns produzieren und dann, als heiße Ware, den letzten Schrei oder als, ein Must-have, teuer an uns, verkaufen zu können. Denn wir, wir sind zu Einkaufsjunkees dieser verdammten Warenproduktionswelt verkommen. Degeneriert in unseren Fähigkeiten, sind wir aber immer noch in der Lage, konsumieren und reisen zu können. Und weil wir das alleine tun, deswegen teilen wir das mit euch, auf Instagram. Ich teile was ich esse mit Dir und schicke Dir Fotos von meinem Urlaub. Essen teilen als Bildmitteilung, das ist intelligent. Mehr kann ich nicht mit Dir teilen, denn ich befinde mich, in meiner wohlverdienten, narzisstischen Isolation. Was ich aber ganz unbemerkt und ungewollt, mit Dir teile, das sind die Krankheiten, die ich mitbringe.

Ich, ein Sender. Ich, ein Empfänger. Ich, ein Datenträger. Ich, ein Virusträger.

Was hat all dies nun aber mit Blühstreifen zu tun? Auf den ersten Blick, rein gar nichts und doch viel mehr, als Du es Dir vorstellen kannst. Im Übrigen können sich die Menschen heutzutage aber nicht mehr viel, vorstellen. Dies gehört nicht zu ihrem Aufgabenfeld. Gestresst vom Freizeitstress sind sie mit Work-life-balance-programmen beschäftigt oder mit Entspannungsyoga. Wenn man sich vielleicht, von all dem freimachen kann, was da um uns herum tobt, auch wenn wir wissen, dass wir es sind, die toben, dann bemerkt man, dass in dieser Welt gar nichts mehr, einfach ist. Was ist überhaupt einfach. Einfachheit ist, wenn man nachschlägt, ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen beitragen, und dadurch, dass das Zusammenspiel dieser Faktoren durch nur wenige Regeln beschrieben werden kann. Wir, der VEREIN ZUR RENATURIERUNG DES MENSCHEN, haben uns deswegen für Blühstreifen entschieden, weil sie kurzfristig realisierbar sind. Uns ist klar, dass dies nicht eine langfristige Lösung sein kann, aber wir brauchen erst mal, einfache, aber einprägsame und klar nachvollziehbare Handlungen und Ergebnisse, die dafür sorgen, dass wir begreifen und realisieren können, was hier vor sich geht! Wir alle wissen, in welcher Welt wir leben und wir wissen auch, dass sich die Blühstreifen am Rand von Feldern befinden, die konventionell behandelt werden. Also machen wir uns hier keine Besserwisserei vor. Wäre es besser, nichts zu tun und unserem scheinbar von jeglichem Sinn befreiten Treiben, weiterhin zuzusehen? Diesen Sommer werden im Illertal und in der Umgebung Rot an der Rot, in etwa 18 Kilometer an Blühstreifen blühen. Sie werden blühen, weil wir überzeugt waren und uns eingesetzt haben. Sie werden blühen, weil wir voller Überzeugung mit den Landwirten, die garantiert nicht auf uns gewartet haben, gesprochen haben. Sie werden blühen, weil wir mit den Ämtern gesprochen haben, die die Samen bereitstellen. Sie werden blühen, weil all diese Gespräche etwas bewirkt haben. Sie werden blühen, weil Menschen miteinander gesprochen haben.

Wenn wir dann all dies Blühen sehen werden, und dort Blumen pflücken oder einfach nur damit beschäftigt sind, diese enorme Strecke abzulaufen, dann werden wir vielleicht bemerken, was es ist. Und es ist klar, dass dies nicht die Lösung ist und all die Insekten werden wir damit auch nicht retten, aber immerhin wirst Du vielleicht ein paar mehr von deiner Autoscheibe kratzen können, als die letzten Jahre. Denn, um etwas begreifen zu können, dafür brauchen wir Menschen Unterschiede oder wie man sagt, Differenz. Aber wenn alles gleich ist und gleich egal ist, dann gibt es eben keine Unterschiede mehr. Das ist der Einheitsbrei der Neuzeit, in dem wir leben. Dann schauen wir uns einfach mal an, wie diese 18 Kilometer an Blühstreifen auf uns wirken. Und wir nehmen eine Drohne und machen einen Film von oben, damit wir sehen können, wie das, was wir hier unten tun, aussieht. Mit etwas Abstand betrachtet kann man es nämlich sehr gut sehen. Im Jahr davor da haben wir das auch schon gemacht. Mit einer Drohne von oben angeschaut, oder eben, sichtbar gemacht, wie trostlos dies aussieht, was wir hier unten tun. Den kleinen Film kannst Du Dir auf unserer Homepage ansehen.

Also bleibt es mir nur, Dich einzuladen, und aufzufordern, daran teilzunehmen, wenn die 18 Kilometer an Blühstreifen blühen. Teilnehmen bedeutet in diesem Fall, dies was hier nun ist, auf Dich wirken zu lassen. Ob dies dann etwas bewirkt? Das weiß keiner von uns. Aber es wird seine Zeit brauchen diese 18 Kilometer abzulaufen. 18 Kilometer an Blühstreifen sollten auch Dich zum Denken, oder wenigstens, zum Nachdenken bringen. Wenn dies geschehen ist, dann werden wir darüber diskutieren, was eine autark funktionierende Wiese, ein Heckenverband oder ein Hain ist und warum sich dies nicht, von heute auf morgen, realisieren lässt.

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VEREIN ZUR RENATURIERUNG DES MENSCHEN,

Rot an der Rot e. V.

 

 

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